Wasserversorgung beim Aufzuchtkalb
Wasser ist von Anfang an ein wichtiger Faktor für die Gesundheit und
Entwicklung des Kalbes.
Dr. agr. Ugur Kalayci
Der Körper eines Kalbes besteht zu 70 bis 80 Prozent aus Wasser, das somit auch der wichtigste Nährstoff ist. Es ist an praktisch jeder physiologischen Funktion beteiligt, sei es an der Verdauung, der Thermoregulation oder dem Zellstoffwechsel.
Wassermangel hat sofortige Folgen: Dazu zählen eine reduzierte Futteraufnahme, verminderte Tageszunahmen und eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit.
Die tägliche Bereitstellung von frischem, sauberem Wasser ist daher eine Pflicht und keine bloße Option, wenn eine gesunde Entwicklung der Kälber gewährleistet werden soll.
Viele Betriebsleiter gehen davon aus, dass der Flüssigkeitsbedarf von Kälbern durch die Gabe von Milch oder Milchaustauscher vollständig gedeckt wird, da diese zu etwa 87 Prozent aus Wasser bestehen. Zudem wird häufig angenommen, dass Kälber in der Phase der reinen Flüssigfütterung noch kein Bedürfnis nach freiem Trinkwasser haben. Daher wird zusätzliches Wasser oft als unwichtig erachtet.
Dies ist jedoch ein Trugschluss. Tatsächlich benötigen Kälber von Geburt an Zugang zu freiem Trinkwasser, unabhängig von der Milchgabe. Eine Studie des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) aus dem Jahr 2014 zeigt, wie verbreitet diese Fehleinschätzung ist: Demnach warten Milchproduzenten im Durchschnitt 17 Tage, bevor sie neugeborenen Kälbern erstmals freies Trinkwasser anbieten.
Dabei nehmen Kälber in den ersten zwei Lebenswochen freiwillig bereits 0,75 Liter Wasser pro Tag auf, wenn ihnen welches angeboten wird. Dieser frühe Zugang zahlt sich langfristig aus. Studien belegen, dass Kälber, die ab dem ersten Lebenstag Zugang zu Wasser haben, mit fünf Monaten signifikant schwerer sind und eine bessere Futterverwertung aufweisen als Tiere, die erst später Zugang erhielten.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass ein früher Zugang zu Wasser bei der Kälberaufzucht wichtig ist – selbst bei intensiver Milchfütterung.
Wickramasinghe, H. K et al. (2019). Drinking water intake of newborn dairy calves and its effects on feed intake, growth performance, health status, and nutrient digestibility. J. Dairy Sci. 102:377–387.
Hier sind die zentralen Erkenntnisse aus der Studie von Wickramasinghe et al. (2019) : In dieser Studie wurde der Einfluss einer frühen (ab dem ersten Lebenstag) bzw. späten (ab dem 17. Tag) Wasserversorgung auf die Entwicklung von Holsteinkälbern untersucht.
Dabei wurde das „USDA National Animal Health Monitoring System" aus dem Jahr 2014 herangezogen, um das Durchschnittsalter der Kälber zu ermitteln. Die Holstein-Kälber der Studie wurden bis zum Alter von 14 Tagen mit einer Flasche und einer beliebigen Menge Milch (maximal 6 Liter pro Tag, auf drei Fütterungen verteilt) gefüttert. Von Tag 14 bis Tag 42 erhielten sie täglich 10 Liter (auf drei Fütterungen verteilt) und schließlich bis zum Absetzen nach 49 Tagen täglich 3,4 Liter (eine Fütterung).
Diese Arbeit ist besonders wertvoll, da sie Kälber untersuchte, die hohe Milchmengen erhielten. In dieser Situation gehen Landwirte oft fälschlicherweise davon aus, dass die zusätzliche Gabe von Wasser nicht notwendig ist.
Ein Hauptergebnis der Studie widerlegt die Annahme, dass satt getränkte Kälber kein Wasser benötigen. Selbst Kälber, die Zugang zu hohen Milchmengen von ca. 6 bis 9 Litern pro Tag hatten, tranken in den ersten 16 Lebenstagen durchschnittlich 0,75 Kilogramm Wasser pro Tag zusätzlich zur Milch. Dies zeigt, dass der Flüssigkeitsbedarf für die metabolischen Prozesse und die Pansenentwicklung nicht allein durch das in der Milch enthaltene Wasser gedeckt wird.
Ein überraschendes Ergebnis betrifft die „Konkurrenz" im Magen. Mehr Milch: Kälber, die ab der Geburt Wasser erhielten (Gruppe W0), tranken nicht weniger, sondern 0,285 kg mehr Milch pro Tag als Kälber ohne Wasserzugang (Gruppe W17). Keine Verdrängung: Die Sorge, dass Wasser den Platz für die nährstoffreiche Milch wegnimmt, wurde hier eindeutig widerlegt. Wasser scheint den Appetit oder das Wohlbefinden zu fördern.
Der frühe Wasserzugang hatte signifikante Langzeiteffekte, die über die Tränkephase hinausgingen. Gewichtsentwicklung: Im Alter von fünf Monaten wiesen Kälber der Gruppe W0 ein signifikant höheres Gewicht auf als Kälber, die erst ab dem 17. Tag Wasser erhielten. Strukturelles Wachstum: Nach dem Absetzen (Post-Weaning, Tag 50–70) wiesen die Kälber der Gruppe W0 eine größere Hüfthöhe und Körperlänge auf und wiesen eine bessere Futterverwertung auf.
Die Studie lieferte physiologische Belege dafür, warum die Kälber besser wuchsen. Faserverdauung: Nach dem Absetzen wiesen die Kälber, die früh Zugang zu Wasser hatten, eine signifikant höhere Gesamtaufnahmeverdaulichkeit von NDF und ADF (Faserfraktionen) auf. Dies deutet darauf hin, dass das frühe Wasserangebot die Pansenentwicklung und das Mikrobiom positiv beeinflusst hat, sodass die Tiere später Raufutter und Starter effizienter verwerten konnten.
Die Studie untersuchte auch die gesundheitlichen Risiken. Dabei zeigte sich, dass sich die Anzahl der Durchfalltage und die Schwere des Durchfalls bei Kälbern, die früh Zugang zu Wasser hatten, und bei solchen, die warten mussten, nicht unterschieden. Auch die Blutwerte, darunter die Stressmarker Haptoglobin und die Hämatokritwerte, zeigten durch das frühe Wasserangebot keine negativen Veränderungen.
Nachdem den Kälbern der Gruppe W17 am 17. Tag erstmals Wasser angeboten wurde, tranken sie in der Folgezeit 59 % mehr Wasser als die Kälber der Gruppe W0, die von Geburt an an das Wasserangebot gewöhnt waren. Dies könnte auf einen aufgestauten physiologischen Bedarf oder ein verändertes Pansenmilieu hindeuten.
Diese Ergebnisse decken sich mit denen einer früheren Studie von Kertz et al. aus dem Jahr 1984. Bei einer geringeren Milchration und einem jüngeren Entwöhnungsalter (28 Tage) fraßen Kälber mit freiem Zugang zu Wasser mehr Kälberstarterfutter und nahmen mehr zu. Im Vergleich zu Kälbern ohne Wasserzugang kam es dabei nicht zu einer höheren Durchfallhäufigkeit. Fazit: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kälber Wasser haben! Selbst den jüngsten Kälbern hilft Wasser beim Wachsen.
Kertz et al. (1984). Ad Libitum Water Intake by Neonatal Calves and Its Relationship to Calf Starter Intake, Weight Gain, Feces Score, and Season. J. Dairy Sci. 67:2964-2969.
Dr. Ugur Kalayci. Ausreichend Wasser - auch im Winter dlz agrarmagazin 2/2007.
Quellenangabe
Wickramasinghe, H.K.J.P., Kramer, A.J., & Appuhamy, J.A.D.R.N. (2019). Drinking water intake of newborn dairy calves and its effects on feed intake, growth performance, health status, and nutrient digestibility. J. Dairy Sci. 102:377–387.